Sebastian Wenzel // Freier Journalist
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Sebastian Wenzel ist freier Journalist.


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Ganz Ohr

Interview | to4ka-treff.de | Ausgabe: 11/2011 | zurück zur Artikel-Übersicht

Im Sommer 2006 haben die Studenten Felix Anschütz, Nico Degenkolb, Krischan Dietmaier und Thomas Neumann belauscht.de gestartet. Auf der Internetseite sammeln sie unterhaltsame Gesprächsfetzen aus Deutschlands Alltag. Im Interview verrät Nico Degenkolb über welchen Spruch er besonders lacht, was typisch für den deutschen Humor ist und was ein Russe mit einer Kuh zu tun hat.

Angefangen habt Ihr mit fünfzig Sprüchen. Inzwischen finden Interessierte über 3.000 skurrile Dialoge auf Eurer Seite. Welcher ist Dein Favorit?
Die Nutzerin Anne hat in Bonn einen ausländischen Mitbürger an der Bushaltestelle belauscht. Als ein Eichhörnchen über die Straße rannte, rief der Mann laut: "Ey, Nussmäuschen, Alter! Nussmäuschen!"

Du betreibst die Seite zusammen mit drei Freunden. Wie seid Ihr auf die Idee für das Projekt gekommen?
Wir haben alle in Augsburg Europäische Kulturgeschichte studiert und saßen oft zusammen an einem Küchentisch. Beim Essen erzählten wir uns Sprüche, die wir tagsüber aufgeschnappt hatten. Die Idee, daraus eine Internetseite zu machen, kam schnell. Da es so eine Seite in Deutschland nicht gab, war belauscht.de eine Möglichkeit, die Alltagswitze festzuhalten und anderen Menschen zugänglich zu machen.

Inzwischen senden Eure Leser Euch über 20 Dialoge pro Tag. Nur die wenigsten davon schaffen es ins Netz. Warum?
Das liegt daran, dass viele Sprüche unsere Anforderungen nicht erfüllen. Erstens müssen sie witzig sein oder etwas Denkwürdiges aussagen. Zweitens muss die ursprüngliche Situationskomik in der Schriftform erhalten bleiben. Wir merken selbst an unseren Erlebnissen, dass viele Dinge nicht mehr lustig sind, wenn man sie aufschreibt. Drittens dürfen die Geschichten weder rassistisch, grob sexistisch oder diffamierend sein. Und viertens wollen wir die Seite nicht überfrachten. Wir veröffentlichen daher lieber maximal drei Einsendungen pro Tag als die Seite zuzumüllen. Dass der Spruch neu und authentisch sein muss, versteht sich von selbst. Trotzdem bekommen wir manche Sprüche immer wieder zugesandt.

... zum Beispiel?
Der absolute Klassiker stammt aus dem Musikunterricht. Lehrer sagen anscheinend immer wieder: Wer jetzt noch keinen Ständer hat, geht nach oben und holt sich einen runter.

Das ist auch ein bekannter Witz. Wie überprüft Ihr, ob die Nutzer die Sprüche tatsächlich mithören oder sich nur ausdenken?
Mit der Zeit haben wir ein Gespür dafür entwickelt, ob gezielt auf eine Pointe hingearbeitet wird. In solchen Fällen ist es sehr wahrscheinlich, dass sich jemand den Spruch ausgedacht hat. Zusätzlich googeln wir Wortkombinationen. Damit überprüfen wir, ob der Dialog schon länger existiert und es sich um ein Plagiat handelt.

Gibt es einen typisch deutschen Humor?
Ja. Die Deutschen haben einen sehr direkten Humor, der oft auf Schadensfreude basiert. Außerdem machen sie sich gerne über ihrer vermeintlich dümmeren Mitbürger lustig.

Vor einigen Jahren habt Ihr Sprüche einer finnischen Partnerseite übersetzt und veröffentlicht. Wieso habt Ihr das Projekt wieder eingestellt?
Viele Sprüche funktionieren nicht in anderen Ländern. Die Finnen fanden die deutschen Dialoge langweilig und umgekehrt. Der finnische Humor ist sehr subtil. Wie findest Du zum Beispiel folgendes Gespräch? Zwei Männer stehen im Fahrstuhl. Der eine sagt: "In welchen Stock geht’s`?" Der andere antwortet: "In die Stadt."

..... zum Gähnen.
Das war auch die typische Reaktion unserer Nutzer. Aus diesem Grund haben wir das Projekt eingestampft. Außerdem ist es oft schwierig, Wortwitze in eine andere Sprache zu übersetzen.

Um belauscht.de zu lesen, muss man keinen Internetanschluss besitzen. Ihr habt zwei Bücher mit den besten Sprüchen veröffentlicht. Wie seid Ihr auf diese Idee gekommen?
Wir waren immer der Meinung, dass sich die Anekdoten super in einem Buch machen würden. Wir wollten aber erst einige Jahre Sprüche sammeln und dann loslegen. Der Heyne-Verlag hat uns 2008 von sich aus kontaktiert und gefragt, ob wir nicht Lust hätten, die besten Sprüche in einem Buch zu veröffentlichen. 2009 erschien dann "Entschuldigung sind Sie die Wurst?", 2010 der Nachfolger "Nee, wir haben nur freilaufende Eier!"

Nach welchen Kriterien habt Ihr die Sprüche für die Bücher ausgesucht?
Wir haben uns zwei Wochen in einer Berghütte im Schwarzwald einquartiert und gemeinsam die besten Sprüche ausgewählt. Außerdem haben wir die Sprüche kategorisiert und die Illustrationen erarbeitet, die eine Freundin von uns gezeichnet hat.

Einige Nutzer werfen Euch vor, dass Ihr eine Art Stasi 2.0 wäret. Ihr Argument: Auch die Staatssicherheit hat in der DDR ihre Bürger belauscht.
Das ist totaler Quatsch. Anders als die Stasi schützen wir die Privatsphäre der Menschen und spionieren sie nicht aus. Wir verändern alle Namen in den Sprüchen und löschen exakte Ortsangaben. So ist es unmöglich, dass irgendjemand identifiziert oder bloßgestellt wird.

Verrate uns zum Abschluss doch noch bitte eine Anekdote mit russischem Einschlag.
Ingolstadt in einem Bus. Ein Mann steigt ein und unterhält sich mit einem anderen Fahrgast: "Hallo Sergej, alter Russe!" "Ich bin kein Russe!" "Aber Sergej ist doch russisch." "Alter, wenn ein Schwein im Kuhstall geboren wird, ist es auch nicht gleich eine Kuh!"

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