|
|
|||
|
|
Sebastian Wenzel ist freier Journalist. |
|
|
|
|
PR-Strategen inszenieren den edlen Krieg
Bericht | Financial Times Deutschland Online | 03/2003 | zurück zur Artikel-Übersicht Public Relations kann eine starke Waffe sein. Militärstrategen benutzen Sprach- und Bildertricks, um für einen vermeintlich edlen Krieg zu werben. PR kann gegnerische Soldaten verunsichern, die eigene Bevölkerung auf Krieg einschwören - und kollidiert mit dem journalistischen Anspruch, möglichst authentisch und wahrheitsgemäß zu berichten. Denn "PR ist die gezielte Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten durch die Erzeugung und Befestigung von Images", sagen die Kommunikationsforscher Klaus Merten und Joachim Westerbarkey. Kriegs-Werbung Im Krieg sterben Menschen, und Häuser werden zerbombt. Das US-Militär wollten vermeiden, dass im Golfkrieg 1991 solche Bilder die Öffentlichkeit schockieren. Es sendete ein Video. Darauf zu sehen: Ein Fadenkreuz und eine Bombe. Das Projektil rammte sich zentimetergenau ins Ziel. Das Video sollte suggerieren, dass die Alliierten moderne Präzisionswaffen benutzen, die angeblich nur Militärgebäude zerstören. Aber nur sieben Prozent der verwendeten Waffen waren Präzisionswaffen. Die Taliban versuchten es mit dem umgekehrten Weg. Sie erlaubten im Oktober 2001 Journalisten nach Afghanistan zu reisen und führten sie zu zerstörten Häusern, getroffen von amerikanischen Bomben. Die Journalisten sollten die Leiden der afghanischen Zivilbevölkerung verkünden. Auch Journalisten, die nahe der Front arbeiten, sehen nicht alles. Militär-Pressekonferenzen und Frontbesuche zeigen "bestenfalls einen Realitäts-Ausschnitt, der präsentiert wird. Jener Ausschnitt, der gerade in die militärische Taktik und Strategie passt", schreibt das deutsche Fachmagazin "Journalist". Dadurch kann die öffentliche Meinung beeinflusst werden. Der Wissenschaftler Michael Kunczik schreibt in dem "Studienhandbuch Publizistik" über den Golfkrieg von 1991: "Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Umfang der Kriegs-Berichterstattung und der Zahl der Personen, die dieses Thema als das wichtigste betrachteten. Der Golfkrieg verdrängte die Drogenproblematik, die Kriminalität und die ökonomische Situation aus den Schlagzeilen." Grund: Massenmedien sind für die meisten Menschen die einzige Informationsquelle. Kaum jemand kann selbst das Geschehen überprüfen. Kampf mit Wörtern Um den Krieg zu verharmlosen, benutzen PR-Strategen Tarnwörter, die täuschen sollen. Ein Beispiel ist "Kollateralschaden". 1999 wurde der Begriff von Sprachwissenschaftlern zum "Unwort des Jahres gewählt". Begründung: "Der Begriff aus der Nato-offiziellen Berichterstattung über den Kosovokrieg vernebelte auf doppelte Weise die Tötung vieler Unschuldiger durch Nato-Angriffe. Kollateralschaden lenkt mit seiner imponierenden Schwerverständlichkeit vom schlimmen Inhalt der Benennung ab. Das Wort verharmlost - gerade wenn man den Begriff wörtlich nimmt - die militärischen Verbrechen als belanglose Nebensächlichkeit. Hierzu gehörte auch, Bombardements zu Luftschlägen und den Krieg zum Kosovokonflikt herunterzuspielen." Auch Terroristen und Politiker benutzen Sprache als PR-Waffe. Osama bin Laden ruft zum "heiligen Krieg" auf, George W. Bush kämpft gegen die "Achse des Bösen", und Saddam Hussein nennt den amerikanischen Präsidenten "den Teufel unseres Zeitalters". Mit der emotionalen Wortwahl wird suggeriert, dass edle Gefährten gegen brutale Bösewichte kämpfen. Künstliche Feindbilder Manchmal werden härtere PR-Geschütze aufgefahren. Während des Krieges im zerfallenen Jugoslawien berichtete die BBC, Kinder seien das bevorzugte Ziel von Heckenschützen. Serben würden für jedes tote Kind 300 £ zahlen. Das Journalisten-Fachmagazin "Message" berichtete später, dass diese Meldung vom kroatischen Informationsministerium verbreitet wurde, um die Öffentlichkeit zu täuschen.Der einstige Handelspartner und Verbündete der USA, der irakische Präsident Saddam Hussein, wandelte sich Anfang der 90er Jahre zu einem Dämonen. Erst ließen US-Politiker in Reden seinen Amtstitel weg, dann den Nachnahmen. Sie redeten nur noch von Saddam. Der damalige US-Präsident George Bush sagte, der Diktator sei "schlimmer als Hitler". Beweisen sollte dies die Kuwaiterin Nayirah. Sie sagte unter Tränen vor dem Arbeitskreis für Menschenrechte im US-Kongress: "Ich tat freiwilligen Dienst im al-Addan-Hospital. Während ich dort war, sah ich die irakischen Soldaten bewaffnet in das Krankenhaus kommen und in den Raum gehen, wo Babys in Brutkästen lagen. Sie nahmen die Babys aus den Brutkästen, nahmen die Brutkästen mit und ließen die Babys auf dem kalten Boden zurück." Nayirah war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Sie gehörte der Gruppe "Bürger für ein freies Kuwait" an. Diese engagierte eine PR-Agentur, die das Image Kuwaits aufpolieren sollte. Als dies 1993 bekannt wurde, war der Krieg längst zu Ende. Irak-Krieg 2003 Manipulationsversuche wird es auch in einem eventuellen Irak-Krieg 2003 geben. ARD-Korrespondent Jörg Armbruster, der aus Bagdad berichtet, sagte "tagesschau.de": "Wir haben immer einen Begleiter dabei, der uns Vorschriften macht. Der sagt, was wir drehen dürfen und was nicht. Der Begleiter wird vom Informationsministerium gestellt und bezahlt. Alle größeren Geschichten, die wir planen, müssen wir dort einreichen. Dann werden sie genehmigt oder nicht." Die Pentagon-Sprecherin Victoria Clarke machte kürzlich klar, wo auf US-Seite die Möglichkeiten der freien Berichterstattung enden: "Reporter sollen mit See- Luft und Bodentruppen vorrücken und die Kämpfe in Echtzeit übertragen." Zwei Dinge dürften jedoch nicht gesendet werden: "Alles, was Menschenleben gefährdet und alles, was den Erfolg der Mission beeinflusst." Der jeweilige Truppenkommandant hat das letzte Wort. → zurück zur Artikel-Übersicht |
||